Warum der Ort, an dem wir arbeiten, nicht egal ist
Mein Homeoffice in Athen
Lesezeit: 5 Minuten | von Gabriela Meyer | 25.9.2026
Vor einigen Jahren erschien hier im Blog ein Interview über mein „Homeoffice am See“. Damals begann mein Bremer Arbeitstag im Sommer manchmal mit einem Sprung ins Wasser.
Das hat sich nicht verändert, denn auch in der Lüneburger Heide wohne ich heute an einem See.
Doch neu hinzu gekommen ist ein zweiter Ort: ein kleines Sommerhäuschen im Süden Athens, in dem ich arbeite, wenn meine Anwesenheit in Deutschland für Trainings gerade nicht erforderlich ist.
Im Garten stehen Oliven-, Zitronen- und Pinienbäume. Mein Arbeitsplatz ist mal am Tisch im Wintergarten, mal draußen im Garten.
Und natürlich besteht auch ein Tag in Griechenland nicht nur aus Meeresluft, Schwimmen und schönen Gedanken. Es gibt E-Mails, Online-Beratungen, Konzepte, Texte, Telefonate und Termine – genauso wie an jedem anderen Ort.
Und trotzdem macht der Ort einen Unterschied.
Andere Orte bringen neue Gedanken und Inspiration
Ich merke immer wieder, wie sehr unsere Umgebung beeinflusst, wie wir denken und arbeiten. Manchmal braucht es nur einen anderen Blick aus dem Fenster, einen Spaziergang oder ein Gespräch, das man zu Hause so vielleicht nicht geführt hätte.
In Athen findet mein Alltag stärker draußen statt. Kein Wunder bei dem Wetter. Ich fahre selten mit dem Auto zum Einkaufen, sondern laufe zum Bäcker, fahre mit dem Fahrrad zum Friseur und spreche unterwegs mit Nachbarn oder Menschen im Viertel.
Vieles geschieht weniger geplant. Und genau darin liegt für mich etwas Wertvolles.
Athen konfrontiert mich mit anderen kulturellen Eindrücken, anderen Gewohnheiten und anderen Gesprächen als mein Alltag in Deutschland.
Als Trainerin ist es meine Aufgabe, Menschen auf neue Ideen zu bringen und ihnen neue Sichtweisen zu zeigen. Das funktioniert nur, wenn ich selbst neugierig bleibe.
Wenn ich immer nur bei Bäcker Schlumbohm einkaufe und dieselben Wege gehe, nehme ich vieles irgendwann gar nicht mehr bewusst wahr.
Erst woanders fällt mir auf, wie unterschiedlich alltägliche Begegnungen sein können. In meiner Bäckerei in Athen werden Kunden schon nach ein bis zwei Besuchen wiedererkannt und herzlich begrüßt. So ist es auch im Supermarkt.
Zudem kennen viele Kunden die Verkäufer beim Vornamen. Man fragt einander beim Wiegen des Gemüses, wie es geht. Aus dem Einkauf wird ganz nebenbei ein kurzer persönlicher Kontakt.
In Deutschland kann man dagegen jahrelang im selben Geschäft einkaufen, ohne dass je eine solche Beziehung entsteht.
Solche Beobachtungen liefern mir Stoff für meine Arbeit. Denn plötzlich denke ich wieder darüber nach, was persönliche Ansprache, Interesse und Beziehung im Alltag eigentlich ausmachen.
Arbeiten, wo das Leben stattfindet
Je digitaler unsere Arbeit wird, desto stärker nehme ich wahr, wie wichtig reale Eindrücke und Begegnungen sind. Menschen, Räume, Gespräche, Gerüche, Geräusche und Licht beeinflussen uns. Und häufig auch die Qualität dessen, was wir anschließend schreiben, entwickeln oder vermitteln.
Mein Arbeitsplatz in Athen: ein Ort mit eigener Atmosphäre
Mein kleines Cottage in Athen bietet mit seinem Garten und der Nähe zum Meer ein ganz besonderes Ambiente – und wäre vermutlich auch ein wunderbarer Ort für einen Schreibworkshop. Ein klassischer Seminarraum ist es nicht. Genau das macht für mich seinen Reiz aus.
Das Licht, die Nähe zum Meer und der kleine Garten schaffen eine Atmosphäre, in der ich anders denken und arbeiten kann. Vielleicht etwas freier, aufmerksamer und mit mehr Abstand zum üblichen Arbeitsalltag.
Und meistens schaut morgens auch noch eine Katze vorbei.
Was Athen mit meiner Arbeit zu tun hat
Viele meiner Seminare und Beratungen drehen sich heute um Kommunikation, persönliche Wirkung, Schreiben, Smalltalk und Beziehungskompetenz – um Human Skills also, die in einer zunehmend von KI geprägten Arbeitswelt wieder besonders wichtig werden.
Vielleicht beobachte ich gerade deshalb bei meinen Aufenthalten in Griechenland so aufmerksam, wie Menschen miteinander umgehen.
Man spricht viel miteinander. Man fragt nach. Man nimmt sich manchmal mehr Zeit als vorgesehen. Dabei werden Geschäftliches und Persönliches nicht so strikt voneinander getrennt, wie ich es aus Deutschland kenne.
Aus einem Kontakt zum Handwerker, Bankberater oder Dienstleister wird schnell mehr als eine rein sachliche Geschäftsbeziehung. Man kennt etwas vom Leben des anderen, trinkt vielleicht einen Kaffee zusammen oder verabredet sich irgendwann auch einmal außerhalb des eigentlichen Anlasses.
Diese Selbstverständlichkeit, mit der Persönliches und Geschäftliches nebeneinander Platz haben dürfen, fällt mir immer wieder auf.
Sie erinnert mich daran, dass gute Kommunikation selten nur aus den richtigen Worten besteht. Sie entsteht durch Aufmerksamkeit, Interesse und echte Begegnung.
Zwei Orte, zwei Perspektiven
Ich arbeite weiterhin in Deutschland und bin dort regelmäßig bei Unternehmen, Hochschulen und anderen Organisationen unterwegs. Gleichzeitig ist Athen in den Sommermonaten zu einem zweiten Arbeits- und Lebensort geworden.
Ich möchte mich gar nicht zwischen beiden entscheiden. Ich brauche und liebe Apfelkuchen, Regen, Matjes und Wald genauso wie Feigen, Oliven, Sonne und das Meer.
Vielleicht liegt gerade darin der Reiz.
Fest steht: Ein Ortswechsel schafft Distanz zu Routinen. Er verändert den Blick. Und manchmal sieht man anschließend sogar den eigenen Alltag mit anderen Augen.
Vor einigen Jahren habe ich im Interview über mein „Homeoffice am See“ gesagt, dass Professionalität Platz braucht – aber dieser Platz nicht zwangsläufig ein klimatisierter Konferenzraum sein muss.
Manchmal braucht Professionalität auch einen Zitronenbaum, Grillenzirpen und ein bisschen Meeresluft.



