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Warum Höflichkeit, Freundlichkeit und ein guter Umgangston viel mehr mit Lebensqualität zu tun haben, als wir denken.

Gute Umgangsformen sind Lebensqualität

Lesezeit: 6 Minuten | von Gabriela Meyer | 25.9.2026

Für fast zwei Monate war ich diesen Sommer in Athen und habe von dort remote gearbeitet. Und irgendwann fiel mir etwas auf: Du hast seit zwei Monaten keine einzige Situation erlebt, in der jemand unfreundlich zu dir war.

Keine passive Aggression. Keine pampige Antwort. Kein grundloses Genervtsein oder Augenrollen. Keine dieser kleinen Auseinandersetzungen, nach denen man sich noch eine halbe Stunde fragt, was das eigentlich gerade sollte.

Stattdessen: Freundlichkeit, Höflichkeit, gute Umgangsformen und erstaunlich oft Empathie.

Bemerkenswert daran ist aber gar nicht nur, wie andere Menschen hier mit mir umgehen. Viel interessanter ist, was ich inzwischen über mich selbst gelernt habe.

Ich rechne mit Unfreundlichkeit.

Die erwartete Zurechtweisung

Ich fahre in Athen auch oft mit dem Fahrrad. Fahrradwege gibt es längst nicht überall. Manchmal bleibt mir nur der Bürgersteig.

Wenn ich von Weitem Polizisten sehe, springe ich manchmal schon zehn Meter vorher vom Fahrrad. Nicht, weil jemand etwas gesagt hätte. Sondern weil in meinem Kopf sofort ein Programm abläuft: Jetzt gibt es richtig Ärger. Jetzt werde ich zurechtgewiesen. Jetzt kommt der scharfe Ton.

Und dann? Nichts!

Manchmal knattern die Polizisten eher selbst mit dem Motorrad auf dem Gehweg an mir vorbei.

Häufig passiert noch etwas ganz anderes: Eine Großmutter macht ihren Enkel auf mein schönes Fahrrad aufmerksam. Jemand winkt mich freundlich durch. Andere Fahrradfahrer grüßen mich lächelnd als seien wir Bros. Passanten entschuldigen sich, weil sie mich nicht gesehen haben.

Und jedes Mal merke ich: Ich war innerlich schon in Deckung gegangen, obwohl mich noch niemand angegriffen hatte.

Das ist mir in den vergangenen Wochen immer wieder passiert. Bei irgendeiner Kleinigkeit denke ich reflexartig: Oh Gott, jetzt gibt es einen auf den Deckel.

Aber der Deckel kommt nicht.

Das gilt sogar für ganz banale Dinge. Wenn ich mich in der Öffentlichkeit mit etwas Parfum einsprühe, rechne ich inzwischen fast automatisch mit einer negativen Reaktion. In Deutschland habe ich oft genug erlebt, dass Menschen oder ehemalige Kolleginnen daraus sofort einen Anlass für einen Kommentar, einen genervten Blick oder eine Zurechtweisung machen.

Also warte ich darauf. Auch hier. Nur: Es passiert nichts. Alle duften gut und finden es völlig normal.

In solchen Momenten merke ich erst, wie tief diese Erwartung inzwischen sitzt, Ärger zu bekommen.

Erst hier ist mir aufgefallen, wie sehr ich offenbar schon darauf trainiert bin, im öffentlichen Raum mit Zurechtweisung zu rechnen. Mit dem genervten Blick. Der Belehrung. Dem scharfen Ton. Mit der Bereitschaft anderer Menschen, aus einer Kleinigkeit einen Konflikt zu machen. Mit einem kategorischen „Nein!“ auf eine ganz normale Frage. Oder mit dem Satz: „Da kann ich auch nichts dafür!“

Und irgendwann stellte sich mir eine Frage:

Wie viel Lebensqualität verlieren wir eigentlich, wenn wir im Alltag ständig mit Konflikt und Korrektur rechnen?

Unfreundlichkeit belastet uns nicht erst in dem Moment, in dem sie passiert. Sie belastet schon vorher, sobald wir gelernt haben, mit ihr zu rechnen.

Lebensqualität wird auch von Fremden hergestellt

Vor einigen Wochen wurden mir in Athen meine neuen Stühle geliefert. An einem Stuhl war leider die Armlehne beschädigt.

Also rief ich beim Unternehmen an und erklärte das Problem. Innerlich war ich bereits darauf vorbereitet, dass es kompliziert werden würde. Ich studierte die Rückgabebedingungen und legte mir alle möglichen Argumente zurecht.

Stattdessen war die charmante Mitarbeiterin freundlich, ruhig und verständnisvoll. Sie entschuldigte sich mehrfach. Ich würde schnellstmöglich Ersatz bekommen und müsse den beschädigten Stuhl nicht einmal zurückgeben. Nach dem Telefonat bedankte ich mich noch einmal schriftlich für den unkomplizierten Umgang mit meiner Reklamation.

Die freundliche Antwort kam prompt und endete sinngemäß mit:

„Wir sind stets zu Ihren Diensten.“

Ich musste diesen Satz wirklich zweimal lesen. Sie hätte gar nicht antworten müssen, tat es aber.

Ich hörte also kein „Dafür sind wir nicht zuständig!“ Kein „Da müssen Sie sich an jemand anderen wenden.“ Kein „Haben Sie das Formular ausgefüllt?“ Sie gab mir als Kundin nicht das Gefühl, lästig zu sein.

Ein Problem war entstanden. Sie löste es freundlich.

Es geht um genau diese Grundhaltung: Der andere Mensch ist keine Störung.

Fünf Meter Abstand

Vor ein paar Tagen wartete ich auf einen Kaffee. Hinter mir erschien ein älterer, sehr gepflegter Herr. Typ George Clooney.

Vor mir war etwas Platz. Ich rechnete damit, dass er sich direkt an mir vorbeidrängen würde, als sei ich ein Hindernis. Ein Benehmen, das ich oft so in der Lüneburger Heide erlebe. Und es wäre in diesem Fall auch völlig in Ordnung gewesen, denn meinen Freddo Cappuccino hatte ich bereits bestellt.

Stattdessen stellte er sich mit Abstand hinter mich, fast so, als wolle er jeden Zweifel daran vermeiden, dass er sich vordrängeln könnte.

Als ich ihm bedeutete, dass er ruhig vorgehen könne, weil ich bereits bestellt hatte, bedankte er sich galant. Er lächelte mich an, wir wechselten ein paar Worte. Nachdem er seinen Kaffee hatte, bedankte er sich nochmals und verabschiedete sich freundlich.

Eine vollkommen belanglose Begegnung. Aber eine Begegnung mit Stil.

Genau solche Kleinigkeiten gehören für mich inzwischen auch zur Lebensqualität. Sie passieren an einer Kaffeetheke, im Supermarkt, auf dem Bürgersteig, in der Warteschlange, am Telefon oder bei einer Reklamation.

Es sind oft nur wenige Sekunden, in denen zwei Menschen, die einander wahrscheinlich nie wiedersehen werden, entscheiden, wie sie miteinander umgehen.

Die Wirkung kleiner Gesten

Meine Mutter stand kürzlich bei Rewe hinter einem Mann an einem dieser Brötchenfächer. Scheinbar ewig fischte er Brötchen mit der Zange aus dem Fach, während sie hinter ihm wartete. Er ignorierte sie komplett.

Schließlich fragte sie ihn freundlich, ob er ihr zwischendurch auch zwei Brötchen mit in die Tüte legen könne.

Seine Antwort an eine Frau Mitte achtzig:

„Mach selber!“

Meine Mutter hatte keinen Konflikt gesucht. Sie hatte freundlich um eine winzige Gefälligkeit gebeten. Das war seine Antwort.

Solche Situationen machen etwas mit uns. Wenn sie oft genug passieren, lernen wir, mit ihnen zu rechnen.

Wir überlegen vorher, wie wir etwas formulieren. Wir legen uns Argumente zurecht, bevor überhaupt jemand widersprochen hat. Wir rechnen mit dem „Nein“, bevor wir gefragt haben. Wir versuchen, bloß keinen Anlass zu geben, an dem sich jemand stören könnte.

Wir wissen sogar: Wenn wir uns schick anziehen, schminken und hohe Schuhe tragen, werden wir erst einmal taxiert. Und dann kommt die Frage: „Na, willst du auf eine Hochzeit?“ Oder: „Na, was hast du denn noch vor?“ In der Lüneburger Heide gerne auch: „Na, gehst du noch auf den Zwutsch?“

Hier wird aus Eleganz oder Extravaganz etwas gemacht, für das man sich rechtfertigen muss.

Irgendwann rechnet man mit all diesen kleinen Kommentaren, Einwänden und Zurechtweisungen schon im Voraus. Man beginnt, sich zu wappnen. 

In Athen merke ich, wie es sich anfühlt, wenn dieses Wappnen langsam nachlässt.

Ich muss nicht überlegen, wie ich meine Reklamation durchsetze. Ich muss mich nicht auf die nächste Zurechtweisung in der Apotheke vorbereiten. Ich muss nicht damit rechnen, dass aus einer harmlosen Frage nach einer Zeitung plötzlich ein kleiner Machtkampf wird.

Das ist für mich eine Form von hoher Lebensqualität.

Wie angenehm machen wir einander das Leben?

Wir sprechen bei Lebensqualität meist über Einkommen, Wohnraum, Infrastruktur, Freizeit, Sicherheit oder gutes Essen.

Alles ist wichtig. Aber vielleicht gibt es noch eine andere Form von Wohlstand: Jemand hält eine Tür auf. Jemand lächelt uns an. Jemand erklärt etwas, ohne den anderen dabei dumm aussehen zu lassen. Jemand reagiert auf einen Fehler mit Großzügigkeit statt mit Triumph. Jemand sieht, dass ein älterer Mensch Hilfe braucht, und hilft.

Nichts davon kostet Geld.

Aber all diese kleinen Begegnungen erzeugen etwas: eine besondere Atmosphäre. Und in dieser Atmosphäre müssen wir alle leben.

Freundlichkeit ist Fürsorge für den öffentlichen Raum

Vielleicht sind Höflichkeit und Freundlichkeit deshalb viel mehr als gesellschaftliche Umgangsformen.

Sie tragen dazu bei, wie wir uns im öffentlichen Raum miteinander fühlen.

Ich muss einen Fremden nicht mögen. Ich muss nicht jeden Fehler übersehen. Aber ich kann entscheiden, ob ich ihn zum Anlass nehme, einen anderen Menschen kleinzumachen.

Und natürlich ist niemand verpflichtet, einer älteren Dame zwei Brötchen einzupacken. Aber man kann sich schon fragen, was für ein Mensch man sein möchte, wenn eine solche kleine Bitte offenbar bereits zu viel verlangt ist.

Es geht dabei nicht um eine Benimmregel. Es geht um die vielen kleinen Entscheidungen, aus denen unser Zusammenleben besteht. Und ganz nebenbei zeigen wir in solchen Momenten auch ziemlich viel von uns selbst.

Persönliche Wirkung zeigt sich nicht nur dort, wo wir gesehen werden wollen. Sondern gerade dort, wo wir von unserem Gegenüber nichts brauchen

Nicht auf LinkedIn, nicht beim wichtigen Geschäftstermin, nicht beim Networking. Auch im ganz normalen Alltag zeigen wir, wer wir sind.

Wir müssen wieder über gute Umgangsformen sprechen

Ich möchte daraus kein „Griechen, Brasilianer oder Spanier sind so, Deutsche sind so“ machen. Natürlich gibt es auch in Griechenland unfreundliche und in Deutschland zugewandte Menschen.

Aber nach zwei Monaten ohne eine einzige wirklich unangenehme Begegnung im Alltag kann ich meine eigene Erfahrung auch nicht wegdiskutieren.

Ich merke, was es mit mir macht, wenn ich nicht ständig mit Widerstand, Angriffen und Unhöflichkeit im Alltag rechnen muss. Ich habe mehr Energie für andere Dinge und gehe viel entspannter durchs Leben.

Ich kann in einem Geschäft fragen, ob mir jemand die Leiter heute Abend noch nach Hause liefert und rechne inzwischen damit, dass die Antwort lautet: „Ja, natürlich. Kein Problem!“

Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschäftigt mich daran noch etwas anderes: Wir befassen uns heute intensiv damit, wie Menschen sichtbar werden, wie sie auftreten, präsentieren, führen, netzwerken oder eine persönliche Marke aufbauen. Das ist alles richtig und wichtig.

Dabei gerät etwas viel Grundlegenderes erstaunlich oft aus dem Blick: wie wir miteinander umgehen. Nicht im Sinne eines Regelwerks darüber, wer wem zuerst die Hand gibt. Sondern darüber, wie wir anderen Menschen begegnen.

Ich finde, dass wir diesem Thema viel mehr Aufmerksamkeit geben müssen.

Wie sprechen wir mit jemandem, der einen Fehler gemacht hat? Wie reagieren wir auf eine Frage, die wir selbst vielleicht überflüssig finden? Wie behandeln wir Kollegen, Kunden, Mitarbeitende oder Menschen, von denen wir nichts brauchen? Wie viel unnötige Schärfe bringen wir in Situationen, die sich genauso gut freundlich lösen ließen? Wie präsentieren wir uns selbst auf angenehme Weise?

Oft wird ein schlechter Umgangston mit allgemeiner Unzufriedenheit erklärt: Die Zeiten seien schwierig, die Menschen gestresst, die Stimmung im Land schlecht. Aber schwierige Zeiten und persönliche Sorgen gibt es auch anderswo.

Sie erklären vielleicht schlechte Laune. Sie rechtfertigen aber nicht, die eigene Unzufriedenheit an anderen auszulassen.

In meinen Seminaren und Beratungen höre ich immer wieder, wie sehr Menschen unter Unfreundlichkeit leiden. Unter abwertenden Bemerkungen, genervten Reaktionen, mangelnder Wertschätzung, kleinen Machtspielen – und manchmal unter einem Verhalten, das längst weit über Unhöflichkeit hinausgeht.

Das ist kein Nebenthema.

Es betrifft unser Zusammenleben fundamental. Es betrifft die Qualität unserer Arbeit. Und natürlich betrifft es auch Unternehmen. Denn Menschen, die einen Teil ihrer Energie darauf verwenden müssen, sich gegen andere zu schützen, haben diese Energie nicht mehr für ihre Arbeit, ihre Ideen und die Menschen, mit denen sie eigentlich etwas erreichen sollen.

Deshalb sollten wir guten Umgangsformen wieder mehr Bedeutung geben.

Nicht als etwas Altmodisches oder als gesellschaftliche Dekoration. Und auch nicht als Frage, ob jemand die richtige Gabel benutzt. Sondern als Human Skill, der darüber entscheidet, wie wir miteinander leben und arbeiten.

Für mich sind Höflichkeit, gutes Benehmen und Freundlichkeit deshalb keine Kleinigkeit. Im Gegenteil.

Sie sind ein wichtiger Teil unserer Lebensqualität.

__________

P.S. Und was haben die Feigen damit zu tun?

Letzte Woche hatte ich morgens einen Videocall. Zum Kaffee brachte ich zwei frisch gepflückte Feigen mit – eine für meine Gesprächspartnerin, eine für mich. Natürlich nur symbolisch. Eine kleine freundliche Geste.

Ihre prompte Antwort: „Ich mag keine Feigen!!!“

Kein Danke. Kein Lächeln. Da wusste ich, dass ich wieder in Deutschland war. Zumindest online. Dabei ging es gar nicht um die Feigen. Sondern darum, die Geste dahinter zu sehen. Ein bisschen Freude, Leichtigkeit und Charme machen das Leben einfach schöner.

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