Lesezeit: 4 Minuten | von Gabriela Meyer

Du oder Sie? Moderner Umgang mit Duzen und Siezen

Das Du setzt sich in der Berufswelt immer mehr durch. Die digitale Kommunikation hat dazu beigetragen, dass der persönliche, Nähe bekundende Umgangston immer populärer geworden ist. Insbesondere in der Kreativbranche und Start-up-Szene ist es längst üblich, sich über alle Hierarchien und Alternsunterschiede hinweg zu duzen.

Gleichaltrige duzen sich im Job sowieso, ohne zu fragen.

Unter Akademikern, Handwerkern und Künstlern ist es schon lange Tradition, sich zu duzen. Tatsächlich finden es inzwischen so manche locker-lässige Dreißigjährige merkwürdig, gesiezt zu werden. Sie hätten das Du am liebsten überall.

Verständlicherweise fühlt sich aber nicht jeder wohl damit, keine Zeit mehr zu bekommen, aneinander Gefallen zu finden oder sich anzunähern, bevor man zum Du übergeht.

Besonders ältere Menschen können sich überfahren fühlen, wenn sie ungefragt geduzt und direkt alle Distanzen beseitigt werden, ohne dass vorher ein Verhältnis aufgebaut wurde.

Vielleicht geht es einigen von Ihnen wie mir: Ich fühle mich trotzdem modern und nicht spießig, steif oder als Streberin, wenn ich mein Gegenüber sieze, so lange wir uns noch nicht kennen.

Das formelle Sie passt immer

Doch manchmal ist es gar nicht so leicht zu entscheiden: Sieze ich jetzt mein Gegenüber oder duze ich ihn vielleicht doch besser? Zwar gibt es Orte, wo die Anredeform für alle einheitlich geregelt ist, aber das ist nicht immer so.

In meinen Seminaren beginne ich aus Respekt stets mit dem höflichen Sie. Damit fühlen sich für den Anfang immer alle wohl. Meistens gewinne ich schnell den Eindruck, ein Workshop-Du könnte in die Runde passen, dann biete ich es an und wechsele zum Du.

Nur bei eher förmlichen Veranstaltungen mit konservativem oder älterem Publikum bleibe ich beim Sie.

Die Statistiken belegen, dass Siezen bei vielen immer noch zum guten Ton gehört, es ist eben nicht antiquiert.

Eine Umfrage der Marktforschungsplattform Appinio im April 2019 unter rund 5.000 Teilnehmern zwischen 16 und 54 Jahren ergab, dass für 61 Prozent der Befragten das Siezen ein Zeichen von Respekt, Höflichkeit und Zurückhaltung ist.

Nur 15 Prozent empfinden die formelle Anrede als verstaubt. Ungefragtes Duzen findet übrigens nur ein Fünftel der Befragten generell positiv, 12 Prozent negativ.

Halten wir fest: Mit einem Sie können Sie nichts falsch machen.

Bei neuen Kontakten und im Geschäftsleben ist es die richtige Ansprache. Sie sollten auf diese Anrede konsequent zurückgreifen, wenn Sie sich unsicher sind, noch keine Nähe zulassen möchten und den Schutz der höflichen Distanz bevorzugen.

Gerade im Berufsleben sollten Sie niemanden ungefragt mit Du anreden. Insbesondere wenn Sie Jüngere oder bestimmte Berufsgruppen einseitig duzen, zeigen Sie damit kein gutes Benehmen. Es könnte respektlos wirken.

Wer bietet das Du an?

Nach alter Schule gilt: Die Initiative geht vom Älteren, Ranghöheren oder Vorgesetzten aus. Die Chefin bietet es ihren Mitarbeitern an, der ältere Mitarbeiter der jungen Kollegin.

Ihre Offerte könnten Sie so formulieren:

„Wir zwei arbeiten jetzt schon lange zusammen. Wollen wir uns nicht einfach duzen?“ Sie könnten noch hinzufügen: „Sollte Ihnen das irgendwie unangenehm sein, ist es für mich kein Problem.“

Denken Sie daran:

Sind Sie einmal beim Du, ist es schwer, dies wieder rückgängig zu machen, ohne dass der andere es als persönliche Zurückweisung empfindet.

Ein Du ablehnen

Sie dürfen ein angebotenes Du ablehnen. Höflich und mit Fingerspitzengefühl.

Möchten Sie ein Ihnen angebotenes Du höflich ablehnen, weil Sie Distanz wahren wollen oder Sie anderen Ihren Respekt besser zeigen können, antworten Sie so wenig beleidigend wie möglich. Sie könnten sagen:

Vielen Dank für Ihr Angebot. Es wäre mir lieb, wenn wir im Moment beim Sie bleiben, damit fühle ich mich wohler.“ Sie könnten ergänzen: „Bitte lassen Sie mir noch ein wenig Zeit für die neue Anrede.“

Sicherlich finden Sie auch, dass grundsätzlich über die Art und Weise, wie wir miteinander sprechen, Respekt gezeigt wird, nicht unbedingt über die Anrede.

Doch ich gebe zu: Werden in einer Bar oder Boutique alle geduzt und ich werde als einzige gesiezt, fühle ich mich ganz schön alt. Aber das nehme ich sportlich.

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Zu den Ergebnissen der Appino-Umfrage. 

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